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  • AutorenbildJuli

Eselangriffe und Tscherkessen

Heute war Wahltag in der Türkei und es ging um die Wurst. Daher wollten wir lieber in der friedlichen Natur sein, sollte es doch etwas unruhig werden. Da wir die türkischen Kangale so sehr in unser Herz geschlossen haben, wollten wir zu der riesen Kangalstatue am Ortseingang von Kangal. Daher wählten wir entsprechend eine Route über abgelegene Dörfer und Berge. So durchstreiften wir an diesem besonderen Sonntag kleine Dörfer, wo in den Schulen fleißig gewählt wurde. Alles war sehr friedlich hier. Zu Mittag gab es in einem Restaurant leckere Pide, deren frische Zubereitung wir sogar beobachten durften. Am Nachmittag führte uns Komoot dann zu einem Stausee. Die Straßenführung ging laut Komoot und Google direkt unter dem Stausee entlang und dieser war somit gar nicht existent. Die Straße war noch vorhanden aber verschwand einfach in dem überfluteten Tal. Sogar die Strommasten ragten noch aus dem Wasser. Musste wohl alles besonders schnell gehen. Die kleine Sackgasse hatte sich gelohnt, denn sowas sieht man nicht alle Tage.

Wir mussten aber weiterkommen, und so fuhren wir die etwas außerhalb neu angelegte Straße, die ebenfalls noch nicht online existent war. Wir umrundeten so den See und fanden dahinter auch den perfekten Campingplatz für die Nacht. Am Fluss waren zwei Picknicktische platziert und eine Familie verbrachte dort gemütlich mit Çay und Kuchen ihren Sonntag. Freudig winkten sie uns herbei. Erstmal gab es natürlich den obligatorischen Çay und dazu noch leckeren Schokokuchen, den wir dankend annahmen. Bezahlt wurde mit Selfies und Bananen für die Kids. So langsam haben wir eine klare Arbeitsaufteilung: Sobald wir an unserem Platz ankommen, baut Marc das Zelt inklusive Innenraum auf während ich koche. Nach dem gemeinsamen Essen spüle ich ab während Marc die Fahrradketten schmiert, einen kleinen Fahrradcheck durchführt und dann die Fahrräder zusammenschließt oder mit stabilen Dingen in der Umgebung verbindet.


Am nächsten Tag ging es wieder über kleine Dörfer und eintönige Feldlandschaften. Hier und da gab es mal Hirten mit Schafen oder Kühen. In der Regel halten wir immer Ausschau, ob nicht plötzlich zwischen der Herde ein Kangal aufspringt, um die bösen Fahrradfahrer zu vertreiben. Aber weit gefehlt. Anstelle der Kangale kam völlig unerwartet ein wütender Esel angerannt. Dieser blieb aber wenige Meter vor Marc stehen und schaute ihn an. Der Hirte rannte rufend dem Esel nach, schwang sich auf dessen Rücken und überzeugte ihn zur Umkehr. Die 5 Kangale schauten sich das Schauspiel aus der Ferne an und blieben ganz entspannt im Gras liegen.

Anschließend fuhren wir noch eine Schotterpiste, wo wir einen Fuchs sahen. Hier war wirklich nicht viel los, die kleine Esel Attacke war das einzige Highlight. Über 2 Stunden keine Autos, dafür ein paar Herden und zig Traktoren. Am späten Nachmittag entschieden wir uns, dass wir mal in einem kleinen Dorf die Nacht verbringen wollten. Wir wussten von anderen, dass man teilweise in oder an Moscheen nächtigen konnte. In einem Dorf zwischen der ganzen Landwirtschaft fanden wir ein verlassenes Haus, welches sich hervorragend geeignet hätte. Ich wollte uns aber eine Genehmigung der Bewohner holen und suchte diese vergebens. Ich sah nur Hühner und Kühe, so wie in allen Dörfern hier. Viel mehr als Einwohner. Kaum eine Menschenseele. Da hörte ich doch noch ein Traktormotor brummen und fand zwei Männer und befragte diese nach dem Haus und ob wir darin nächtigen könnten. Das wäre eine alte Schule, wurde mir mitgeteilt. Aber schlafen sollten wir woanders. Somit wurden wir zum Bauernhaus des Mannes gebracht und er zeigte uns einen Raum hinter dem Haus, der mit Sofas ausgestattet war, wo wir schlafen durften. Wir waren begeistert. Zwar gab es kein Klo aber wenigstens waren wir windgeschützt. Bevor er ging, teilte er uns noch mit, dass es um 20 Uhr Abendessen gibt. Wir waren völlig überrumpelt und stotterten, dass das nicht nötig sei. Was natürlich nichts brachte, denn er verstand uns ja nicht. Sehr zufrieden breiteten wir die Schlafsäcke auf dem Sofa aus und warteten auf das Abendessen. Später am Küchentisch bereitete die Mama das Essen vor und schon hatten wir zwei vollgefüllte Teller vor uns stehen: Nudeln mit Bohnengemüse und Fleisch, davon aber recht wenig, was mir gefiel. Wir fühlten uns etwas wie bei Bauer sucht Frau, denn die beiden Söhne waren wohl Junggesellen, denen Inka Bause eventuell zu Glück verhelfen konnte. Vor allem der jüngere Sohn sprach ein bisschen englisch, sodass wir uns zumindest grob unterhalten konnten, obwohl auch langes Schweigen teilweise den Abend füllte. Sie waren Milchbauern, die hier seit jeher lebten, zumindest die Söhne kamen hier zur Welt. Sie stellten zudem recht schnell klar, dass sie keine Türken seinen, sondern Tscherkessen. Da trafen sie uns auf dem falschen Fuß. Wir hatten den Namen zwar schon mal gehört, aber noch nie so wirklich damit befasst. Aber schnell in deren WiFi nachgeschaut, stellten wir fest, dass es eine Minderheit aus dem Kaukasus ist, wovon viele Tscherkessen seit dem Kaukasuskrieg 1864 in Staaten des Nahen Osten leben. Bei einer dieser Familien saßen wir nun am Tisch. Natürlich waren wir auch noch zum Frühstück am nächsten Morgen eingeladen und auch hier wurde wieder ordentlich aufgetischt. Sie wollten uns noch so viel Essen mitgeben, aber wir konnten kaum noch etwas transportieren. Aber den selbstgemachten Käse mussten wir dann doch einpacken. Uns hier fehlte hier leider der Kaffee am Morgen, jedenfalls gab es den nicht in den traditionellen Familien. Wir waren wirklich sehr gerührt, dass uns einfach so eine Familie für die Nacht aufnimmt und uns noch komplett verpflegt. Gastfreundschaft wird hier wirklich groß geschrieben, so wie wir es selten erlebt haben.

Nach dem reichhaltigen Frühstück fuhren wir bis zu der Stadt Kangal, wo wir erstmal vor der Statue posierten. Direkt daneben gab es ein Tisch, wo es erstmal Mittagessen gab. Zuerst beehrte uns natürlich ein Kangal und bekam auch den ein oder anderen Happen ab, dann kam ein seltsamer Mann, der unbeirrt türkisch auf uns einredete und sich zu uns setzte. Wir wussten nicht was er von uns wollte, aber als wir ihm die Kekspackung anboten, nahm er ungeniert die ganze Packung und verdrückte diese dankend. Also hatte der arme Mann wohl einfach nur Hunger und wollte was abhaben. Man hat ein bisschen das Gefühl, so bleibt alles etwas im Gleichgewicht. Wir bekommen hier viel von den Einheimischen, aber versuchen auch etwas zurückzugeben: die größten Gewinner sind dabei aber meistens die Hunde :).

Nach dem langen Mittag ging es noch weiter in ein Tal hinunter, an dem wir hofften an einem Fluss übernachten zu können. Wir hatten genau 100km an dem Fluss und befanden ihn als guten Campingplatz. Der Fluss war so klar und lud uns daher zum Baden ein, eine echte Erfrischung. Leider gab es so nah am Wasser hunderte kleine Fliegen und leider auch einige Stechmücken. Nach kurzer Zeit bekamen wir auch schüchternen Besuch von einer dünnen Kangal-Lady. Nach dem gemeinsamen Abendessen ließ sie sich dann in der Nähe des Zeltes nieder, um uns zu bewachen. Selbst in der Nacht, als wir auf Toilette mussten, schaute sie uns schwanzwedelnd an und versicherte uns, gut auf uns aufzupassen. Uns wurde nämlich mitgeteilt, dass wir möglicherweise auf Bären treffen könnten und da war der pelzige Sicherheitsdienst stets willkommen. Die Nacht war sehr ruhig und auch die Hündin machte keinen Mucks, freute sich aber am Morgen mit uns zu frühstücken. Danach erwartete uns ein Tag in einem wunderschön und idyllischen Tal, aber voller Höhenmeter. Obwohl es Marc eigentlich wieder besser ging, hatte er an diesem Tag einen kleinen Rückfall mit extremer Schwäche beim Bergauffahren. Wir überlegten schon um 14 Uhr das Zelt aufzubauen, aber gerade als es kaum noch ging, fanden wir eine Picknickstelle mit Trinkwasserbrunnen. Dort grillten zwei Familien und sofort wurden wieder wir herbei gerufen. Hinsetzen, dann gab es Fanta und gegrilltes Hähnchen und anschließend Çay. Danach sah die Welt schon wieder ganz anders aus und wir konnten den Berg bezwingen und fuhren dann 2 Stunden nur noch bergab. Die Kulisse war echt atemberaubend, sehr viel rotes Gestein und auch wieder viel mintgrüne Hügellandschaften. Alles was wir fanden war ein einziger Kiosk den ganzen Tag, wodurch zumindest das Mittagessen gerettet war. Auch an diesem Abend fanden wir wieder einen Fluss, nur leider zu lehmig um uns darin zu waschen. Denn endlich war der Sommer eingekehrt, wir hatten es richtig warm gehabt und haben endlich mal ein wenig geschwitzt. Diesmal waren wir allein und hatten nur die singenden Vögel und das Quaken der Frösche als Nachtbegleitung. Außerdem waren die Sternenhimmel hier draußen extrem schön.

Heute stand wieder ein Pass auf der Tagesordnung. Nach dem Frühstück sind wir in kurz losgeradelt und auf der Höhe des Passes von 2190 Höhenmeter pfiff so stark der Wind, dass wir uns echt schnell was überziehen mussten. Aber die Abfahrt lohnte sich gewaltig, eine unglaubliche Weitsicht und jetzt, da wir uns zur Küste bewegten, wurde auch alles grüner und es gab deutlich mehr Bäume und Wälder, als im Inneren.

Zu dem hatte Marc heute Geburtstag, denn es war der 19.05.2023 und er wurde 36 Jahre alt. Mittags wollte ich ihn eigentlich zum Essen einladen, aber das einzige Restaurant, dass auf der Route lag, öffnete gerade und war noch mit Baumaßnahmen zugange. Somit wurde das Geburtstagsessen auf Trabzon verschoben. Aber es gab ein Gericht: eingekochtes Rindfleisch in der Brühe, ein kleiner Teller, dazu Brot. Ich verzichtete auf das Fleisch und aß dafür nur Brot mit Käse. Danach ging es dann wieder auf kleine Nebenstraßen zum nächsten Tal. Hier schlengelte sich der Fluss Kelkit durch dieses wunderschöne grüne Tal, rechts und links ragten riesige Felsen empor. Die meiste Zeit ging es leicht abwärts, sodass wir einfach nur die unberührte Natur bewundern konnten. Gegen Abend und Schlafplatzsuche wurde es dann doch noch etwas steil nach oben, aber da entdeckten wir schon wieder weiße Gebirge in der Ferne, was die Höhenmeter wieder wett machten. Es war das ostpontische Gebirge, dass sich im Nordosten der Türkei zur Küste erstreckt. Marc wollte daher unbedingt einen Zeltplatz mit Aussicht auf die Bergkette finden, aber wir waren inzwischen so verwöhnt, dass wir immer gerne in der Nähe eines Brunnen zelten wollten, damit wir genug Wasser zum Kochen und Abwaschen hatten. Und wir fanden hier einfach keinen Brunnen, der bisher immer alle 2km aufzufinden war. Also steuerten wir das nächste Dorf Sinanli an, was nochmals weiter oben im Hang lag. Daher rannte Marc kurzerhand mit unserem Wassersack hoch, denn jedes Dorf hatte einen Picknickplatz mit Brunnen. Als er aber wieder zurück kam, winkte er direkt freudig und machte ein Zeichen, dass wir unsere Räder den steilen Berg nach oben schieben mussten, denn wir sollten lieber im Dorf schlafen, hier gäbe es wohl sehr viele Bären. Wir hatten mal Glück und fanden einen Exiltürken, der in England lebte und wir uns somit vernünftig mit ihm verständigen konnte. Er ließ uns die Gemeindetoilette aufschließen und zeigte uns neben dem Picknickplatz einen Schlafplatz mit gigantischer Aussicht.

Am nächsten Morgen folgte eine Einladung des Enländers bei der türkischen Familie. Die Eltern verbrachten nun die heißen Sommer in ihrem Heimatdorf, wo sie ein paar Bienen hatten und wir durften den selbstgemachten Honig und auch die selbstgemachte Butter zum Frühstück kosten. Ihre Kinder lebten in Wien, England und Istanbul, wo auch sie die Winter verbrachten. Wir hatten hier ein sehr reichhaltiges Frühstück vom Feinsten und wie sich später auch herausstellte, sollte es unsere einzige Mahlzeit für die nächsten 12 Stunden werden. Denn als wir uns verabschiedeten schaute es schon nicht mehr so rosig draußen aus und die Wettervorhersage ließ uns erahnen, dass wir etwas nass werden könnten. In der nächsten Stadt kauften wir noch Proviant und gerade als wir die Stadt verlassen haben fing es schon leicht an zu regnen. Der immer stärker werdende Regen wurde zu Hagel und wir flüchteten schnell unter eine Bushaltestelle. Aber nass waren wir da leider schon, denn unsere Regenkleidung ließ uns wohl im Stich. Ein riesen Gewitter zog über uns und wir hatten zumindest ein wenig Unterhaltung durch die Blitze und einige Kangale, die von dem Wetter scheinbar nix bemerkten. Ich war fest davon überzeugt, dass uns jemand mitnehmen würde, aber als nach 1,5 h der Regen nachließ und niemand auf unseren ausgestreckten Daumen reagierte, gaben wir auf und fuhren weiter. Da es die nächsten 25km nur bergauf ging, wurde uns zumindest warm. Eine schöne Aussicht hatten wir auch nicht, da man entweder nicht an den Regentropfen auf der Brille vorbei gucken konnte oder die Berge in einer grauen Suppe verschwanden. Die nächsten 73 km sollte auch kein Dorf oder Hotel auftauchen. Anhalten für eine Mittagspause ging auch nicht, weil es keinen Unterschlupf gab und man den Hintern nicht von dem trockenen Sattel weg bewegen wollte. Dann kam endlich die Abfahrt, worauf man sich beim Hochstrampeln ja immer freut. Aber das war alles andere als angenehm. Die nasse und rutschige Straße bremste die Abfahrt aus und der zunehmende Fahrtwind verwandelten unsere nassen Klamotten in einen Gefrierschrank. Die Hände verloren recht schnell die Durchblutung und waren wie betäubt so wie bald der Rest des Körpers. An einem Restaurant anhalten war auch keine Option, da wir einfach nur schnell ankommen wollten. Also einfach Augen zu und durch. Zwischendurch gab es kurze Fahrtunterbrechungen durch drei Schafsherden, die dabei jeweils die ganze Straße in Beschlag nahmen. Die Kangale waren vom Regen durchnässt, ziemlich unmotiviert und schauten nicht mal zu uns hoch. Endlich erreichten wir das schöne Bergdorf Torul, wo wir schnell ein Hotel fanden. Die Verständigung war mal wieder schwierig. Ein Preis für Übernachtung und Essen. Soweit so gut. Als wir als einzige Gäste unser Zimmer bezogen, kam die Frage, zu welcher Uhrzeit wir unser Abendessen einnehmen wollten. Das kam so selbstverständlich rüber, dass wir fest davon überzeugt waren, dass es im Preis enthalten ist. Als wir nach dem Essen unseren Aufenthalt bezahlen wollten, hieß es plötzlich, dass das Abendessen extra kostet und nichts mit der Übernachtung zu tun hat. Wir hatten das Gefühl, dass man uns wieder nur abzocken wollte und handelten aus, dass wir somit auf das Frühstück verzichten würden. Wir waren aber froh, dass wir ein Hotel mit Heizung und warmer Dusche hatten. Am nächsten Tag ging es im Nieselregen weiter nach Trabzon ans Schwarze Meer.


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