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  • AutorenbildJuli

Eine Zeitreise

"Wenn ich mir eure Bilder so anschaue, denke ich nicht, dass ihr eine Weltreise macht, sondern eher eine Zeitreise." Diesen Kommentar, der wirklich nicht passender sein könnte, bekamen wir von Benny, einem Freund von Marc. Wenn man hier durch die Dörfer fährt, kommt es einem so vor, als wenn man durch Ostdeutschland oder Ruhrpott vor ca. 40 Jahren reist. Hier fahren zwar keine Trabis rum, dafür aber die ältesten Ladas. Der Lada wird sogar immer noch mit der minimalsten Ausstattung gebaut. Auch die schönen alten Opel, die in Deutschland keiner fahren möchte, sieht man noch sehr oft. Die LKWs haben wohl noch nie den TÜV gesehen. Aber solange sie noch fahren, interessiert das auch keinen. Die Häuser haben leider zum Großteil noch Blechdächer und die Mauern sind aus Stein, überall hängt trotz des Regens Wäsche draußen. Das ist oft auch leider der einzige Farbklecks in der tristen Umgebung - zumindest wenn es ständig nieselt wie gerade. In den meisten Fällen verändert sich die Landschaft kaum oder gar nicht, wenn man über eine Grenze fährt. Doch hier ist es anders. Während Georgien zum großen Teil aus schönen dichten Wäldern besteht, zeigt sich Armenien mit einer weiten Hügellandschaft voller Wiesen und Blumen. Hier sehen wir kaum noch Bäume und auch keine Felder. Direkt hinter der Grenze war die Straße in einem katastrophalen Zustand. So viele Schlaglöcher auf einmal haben wir noch nie gesehen. Im Slalom und mit geringer Geschwindigkeit fuhren wir die Straße entlang. Wenn man dann doch ein Loch erwischt hat, kniff man das ganze Gesicht zusammen, weil man das Gefühl hatte, dass irgendwas auseinander fällt.

Am ersten Tag erreichten wir direkt Gyumri, eine wirklich traurige Stadt: sie wurde 1987 von einem sehr großen Erdbeben halb zerstört und leidet heute noch darunter. Teilweise wohnen Bewohner noch immer in den notdürftigen Containern von damals und das in verheerenden Verhältnissen. Aber wir stellten fest, dass die Armenier sehr freundlich sind, grüßen wild aus den Ladas heraus und helfen uns gerne, wenn wir mal einen Platten haben. Auf dem Dorf kommen wir da meist nur mit Zeichensprache aus, aber in Gyumri sprachen viele gutes Englisch. Marc ist langsam genervt wegen des Wetters. Wird Armenien doch das Land der Sonne genannt, und schon am 2. Tag regnet es wieder nur wie in Georgien. Aber das sollte heute noch nicht alles sein: ich habe meinen ersten Platten im Hinterrad. Schnell haben wir das Steinchen gefunden, welches wir als Auslöser vermutet haben. Während Marc sich um das Hinterrad kümmerte, hielt neben uns ein Auto und ein nettes Pärchen schenkte uns Aprikosen. Es konnte weiter gehen, aber es fühlte sich immer noch so an, als würden 10 Kilo an mir ziehen, ich kam gefühlt nicht vom Fleck. Es nieselte nun dauerhaft und wir hatten Hunger. In den Dörfern gibt es nur so kleine Minimärkte, die nicht besonders viel zu bieten haben. Also saßen wir im Nieselregen und aßen ein paar Kekse, während ich mir meinen Hinterreifen anschaute und feststellte, dass dieser schon wieder platt war. Die Stimmung war wirklich am Tiefpunkt. Wir hatten noch nicht mal 30km zurückgelegt und es war schon 14 Uhr. Ein zweiter Platten bedeutet, dass wahrscheinlich das Problem doch noch nicht behoben war. Ein Stück vom Manteldraht hatte sich leicht rausgelöst und drückte nun in den Schlauch. Der Minimarktbesitzer war gleichzeitig ein Autowerkstattbesitzer und rief seinem Gesellen zu, dass wir wohl Hilfe brauchen. Sie brachten Flicken und Kleber mit. Der Flicken wurde von den beiden von innen an den Mantel geklebt, somit sollte der Schlauch geschützt sein. Wir waren happy und bekamen sogar noch Kaffee von der Frau des Besitzers. Weiter ging es im Nieselregen, dann aber doch deutlich zügiger. Die Straßen wurden endlich besser und wir kamen direkt an einem Jesidentempel vorbei, den wir als einzige Besucher anschauten.

Danach fanden wir einen perfekten kleinen Wald neben der Straße mit Aussicht auf den höchsten Berg Armeniens: Aragats (4095m). Es schien nun tatsächlich sogar die Sonne und ein lieber Hund gesellte sich wieder zu uns. Ihm war die Pfote unter ein Auto gekommen und die Wunde war noch relativ frisch. Leider sehen wir fast täglich verkrüppelte Hunde, aber die Wunde war so frisch, da musste es dem armen Hund noch sehr wehtun. Und es gab einfach nichts was wir tun konnten, denn selbst wenn ein Tierarzt in der Nähe gewesen wäre (der nächste war leider 50km weit weg), hätte man ja auch den Verband wechseln müssen und der Transport zum Tierarzt wäre auch nahezu unmöglich gewesen. Mir tut das unheimlich weh und schon nachts bekomme ich kein Auge zu, weil ich nicht weiß, wie wir ihn am nächsten Morgen los werden. Meine größte Hoffnung ist immer, dass sie über Nacht einfach verschwunden sind. Am nächsten Morgen schauten wir dann raus, aber er lag natürlich in der Nähe des Zeltes. Glücklich wedelte er mit dem Schwanz, als wir aus dem Zelt schauten. Da es schon wieder regnete, blieben wir bis 10 Uhr im Zelt und teilten unser Frühstück gerecht mit dem Beschützer auf. Bei der Abfahrt versuchen wir immer Hundefutter zu verstreuen, sodass sie abgelenkt sind, wenn wir davon düsen wollen. Aber dieser war auch wieder hartnäckig und rannte uns trotz kaputter Pfote in einem Affenzahn hinterher. Der Anblick schmerzte. Aber da es bergab ging, waren wir schnell außer Sichtweite. Bis nach Jerewan ging es einfach nur bergab. Durch das mäßige Wetter sahen wir noch nicht viel von Jerewan und gingen direkt ins Hostel. Hier gefiel es uns so gut, dass wir 3 Tage blieben. Die Armenier legen sehr viel Wert auf Sauberkeit und Gemütlichkeit, geputzt wurde gefühlt rund um die Uhr. Wir trafen dort neben den zahlreichen Russen auch noch andere Reisende.

Da ich meine alte Schulfreundin Dalia kontaktiert habe, bekamen wir tolle Tipps von einer waschechten Armenierin. In der Hauptstadt Jerewan leben 1/3 der Bevölkerung Armeniens, also 1 Mio Menschen. Mit über 2800 Jahren ist sie eine der ältesten Städte der Welt und liegt im Ararat-Tal. Gleichnamig wie das Wahrzeichen der Stadt, kann man den Berg Ararat gut erkennen - er thront wie eine Krone über der ganzen Stadt. Leider ist dieser Berg für Armenier unerreichbar, er liegt auf der türkischen Seite und beiden Staaten stehen derzeit immer noch aufgrund des Genozids während des Osmanischen Reichs im Konflikt. Der Bibel nach ist die Arche Noah am Berg Ararat nach der großen Flut gestrandet. Armenien ist das erste Land der Welt, dass das Christentum als Staatsreligion anerkannt hat - noch vor Rom. Hört man doch so selten von Armenien, ist es religiös doch sehr bedeutend. Politisch gesehen hat es das Land nicht leicht. Es grenzt an ziemlich große Nachbarn: Iran im Süden, im Westen die Türkei, im Norden Georgien und im Osten an Aserbaidschan. Hier ist das Land noch immer in Trauer vom letzten Krieg 2020. Im Kampf um die Region Bergkarabach starb eine junge Generation von 5000 Menschen. Der Krieg wurde von seitens Aserbaidschan gewonnen und seitdem schwillt der Konflikt im Stillen. Armenien wurde früher oft von Russland unterstützt, jetzt hält sich Russland aber aus dem Konflikt, weswegen die Armenier ständig Angst um weitere Angriffe haben. Fast jede armenische Familie hat entweder den Vater oder Sohn im Krieg verloren, oder sogar beides. Daher ist Armenien ein ganz schön gebeuteltes Land. Wie Dalia sagte: Deswegen ist uns Gott so wichtig, weil wir nicht viel anderes haben, auf das wir vertrauen können.

Die Stadt Jerewan ist super modern, und hat allerlei an Kultur und Kunst zu bieten. Viele Schachweltmeister lernen hier die Kunst und es gibt viele Jazz Clubs in der Hauptstadt. Wunderschön waren für uns die Kaskaden mit anschließenden Wasserspielen am Platz der Republik zu beobachten - auch weil wir dort einen wunderbaren Blick auf den Ararat hatten.

Auf Empfehlung unserer Freundin besuchten wir noch den Gottesdienst in der armenischen St. Georg Kirche, anschließend ging es auf die Vernissage, ein Flohmarkt mit selbstgemachten Dingen wie Schachbretter, Schals, Geschirr, etc. Zu guter Letzt gingen wir noch zum Obst- und Gemüsemarkt, wo man nichts vermisste. Endlich konnte ich mal wieder Spinat kaufen, den ich wirklich sehr selten finde. Nach unserer Sightseeing Tour mussten wir eine Route wählen, wie wir durch das Land fahren wollten. Es war nicht ganz einfach, es gab doch fast überall was schönes zu sehen. Aber so ist es in jedem Land, wir können nicht alles sehen. Was vielleicht ganz gut ist, denn man hat einen Grund wieder zukommen. Gleichzeitig wussten wir, egal wie wir die Route legen, es wird sehr viel hoch und runter gehen. Das ganze Land besteht nur aus Berglandschaften


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