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Kontinentenwechsel am Bosporus

Eine 15 Millionen Stadt, welche sich über 100km erstreckt. In der Radcommunity eine Stadt, die jeder sehen sollte auf dem Weg Richtung Osten. Jedoch auch extrem anstrengend als Radfahrer, da der Verkehr sich sehr staut und nur wenige Radwege vorhanden sind. Wir folgten den Empfehlungen von anderen Radreisenden und fuhren daher über das Marmarameer mit der Fähre nach Istanbul. Die Stadt ist einfach nur gigantisch und die Einfahrt war überwältigend, wie plötzlich die ganzen Hochhäuser durchmischt mit riesigen Moscheen vor uns auftauchten.

Wir erreichten genau 1 Tag vor dem Zuckerfest (das Abschlussfest der Fastenzeit Ramadan) die Millionenstadt. Dementsprechend war auch einiges los. Wir überquerten die Galatabrücke, in der hunderte Fischer ihre Angeln ins Wasser hielten. Eigentlich wollten wir nur ein schönes Bild auf der Brücke machen, sind dann aber in einer Restaurant mit Shisha total versackt. Unter der Brücke ist ein Fußgängerweg und ein Restaurant reiht sich an das andere. Wir genossen einen entspannten Abend mit einer fantastischen Aussicht, die mit der untergehende Sonne und den Muezzin Gesänge aufgewertet wurde.

Danach ging es zu unserem Apartment. Es war gegen 21 Uhr und die Gegend war sehr seltsam, keine Touristen und nur ältere Herren in der Gasse. Der Kiosk war zu jeder Zeit geöffnet und dementsprechend der Alkoholgenuss, oftmals hörten wir das Gegröle und Streitereien von oben aus dem Fenster. Am Morgen des Zuckerfests wollten wir ein paar Sehenswürdigkeiten abarbeiten, unter anderem die Haggia Sophia, die wohl bekannteste Moschee in Istanbul. Leider war das Timing schlecht, wir standen über eine Stunde an und nichts ging voran. Dann sagte man uns, dass wir in der falschen Schlange standen, da unsere Tasche durch ein Röntgengerät mussten um gefährliche Gegenstände zu identifizieren. Die Schlange war groß und es verging uns langsam die Lust und wir versuchten es bei der blauen Moschee. Auch hier standen wir mit hundert anderen Muslimen und Touristen an, aber wieder hatten wir Pech: keine Besuchszeit für Touristen. Nachdem wir dann die 4. Moschee erfolglos versucht haben zu besichtigen, gaben wir auf. Wir fanden aber noch Leckereien auf dem Weg und liefen dann wieder in unsere Unterkunft, um uns auszuruhen für den Abend. Denn da das Zuckerfest war, dachten wir, dass sich die ruhige Gegend in eine große Party verwandelt. Aber weit gefehlt. Kaum jemand war auf der Straße, nur ein paar ältere Herren, die einsam ihren Chai schlürften. Alle Restaurants waren geschlossen und wir sahen uns gezwungen, wieder in das Touristengebiet zu laufen, um etwas Essbares aufzutreiben. Und so war der Abend anders als geplant, hatten keine Party, schauten dann aber noch gemütlich einen Film.

Der nächste Tag sollte dann als Abschluss mit David in einem Hamam gefeiert werden. Wir gönnten uns ein tolles Verwöhn Paket in einem Hotel. Da wurden wir massiert, bekamen Gesichtsmasken, konnten in Sauna und Dampfbad und zu guter Letzt wurden wir dann gewaschen: Man liegt auf den Marmorplatten und wird erstmal mit einem groben Massagehandschuh abgerieben, das wie ein Peeling wirkte. Anschließend wird man dann eingeschäumt, sodass man komplett von Seifenschaum umgeben ist und flutscht wie ein Fisch fast von der Marmorplatte beim Umdrehen.

Anschließend darf man sich setzen und wird dann mit Wasserschüsseln vom Schaum befreit. Mir wurden sogar die Haare gewaschen und ich hatte ein Kindheits Dejavu. Das Gefühl, wenn man einfach nur dasteht und die Haare von oben gewaschen bekommt. Es war einfach wunderbar aber auch etwas aufregend. Anschließend fühlten wir uns ganz sauber und ließen den Abend gemütlich ausklingen. Wir gingen noch lecker Abendessen, wo wir auch die feinen selbstgemachten Manti aßen (in etwa wie Ravioli) gefolgt vom Sütlac (Milchreispudding aus dem Ofen). David verschenkte noch sein Rad erfolgreich an einen Jungen, der auf der Straße heiße Maronen verkaufte.

Dann war der Tag des Abschieds gekommen. Für David ging es zurück nach Flensburg, wo er wieder die Schulbank drücken musste.

Marc und ich hatten kurz vor dem Abschied noch einen kleinen Streit, wo ich ihn ausversehen umschubste und er auf der Straße landete. Aber das Streit war dann schnell beigelegt, als ich zum wiederholten Male beteuerte, dass ich ihn nicht gesehen habe. Wir nahmen dann eine Fähre über den Bosporus, denn wir wollten noch ein paar Tage im asiatischen Teil von Istanbul verbringen. Es gibt zwar auch eine Brücke über den Bosporus (der Europa und Asien trennt), aber diese durfte nicht mit dem Rad befahren werden. Daher ging es über Üsküdar nach Kadikoy, den Küstenweg entlang. Hier war die Hölle los, denn es war der letzte Tag des Zuckerfestes und alle genossen das schöne Wetter. Der Radweg war deswegen komplett unbrauchbar, wir kamen nur schwer durch die Menschenmassen und ließen uns von der trubeligen Stimmung anstecken und tranken erstmal noch einen Nescafé mit Ausblick auf den Bosporus. Danach ging es dann in ein AirBnB in Kadıköy, dem Hipsterviertel von Istanbul. Wir bezogen ein Zimmer bei Ekrem, einem türkischen Studenten, der sich seine Wohnung mit einem deutschen Studenten teilte. Es war eine tolle Altbauwohnung, in der wir nichts vermissten. Marc ging es immer noch nicht ganz gut, daher wollte er auch die Zeit nutzen, um sich noch etwas zu erholen. Zudem war unser Lüfter vom Laptop kaputt und wir bekamen das Ersatzteil nur über Amazon, jeder Computerladen, den wir anfragten, verneinte uns die Bestellung. Daher hatten wir eine Adresse eines Fahrradladenbesitzers bekommen und wollten das Paket entgegen nehmen. Jeden Tag hofften wir darauf, dass es endlich ankam. Bis dahin schlenderten wir durch das schöne Kadıköy, ich fühlte mich wie in Hamburg. So jung, bunt, alles voller Cafés und Boutiquen, gepaart mit jeder Menge Streetart an den Häuserwänden. Und voll mit internationalem Flair, viele sprachen hier auch englisch, aber die Stadt ist auch voller Touris. Hier gab es einfach alles, man konnte shoppen und vor allem angetan waren wir von einem Bäcker, der sogar Berliner im Angebot hatte. Diese schmeckten laut unserem Mitbewohner, der aus Berlin stammte, besser als zuhause. Auch für uns war der Bäcker das Highlight, so hatten wir zumindest eine Woche vollkörniges Wallnussbrot.

Da wir bis jetzt noch keine Moschee in der Türkei von innen zu Gesicht bekamen, gingen wir auf der asiatischen Seite zu der größten Moschee der Türkei, die relativ neu war (Eröffnung 2019). Die hatten wir nämlich schon von der Fähre aus gesehen, denn sie ist von ganz Istanbul zu sehen, weil sie auf einer Hügelkuppe mit gigantischer Aussicht gebaut ist. Die Moschee gehört zu einer von Erdogans Großbauprojekte, die wie viele andere Projekte in Kritik stehen (dazu in einem anderen Blogbeitrag mehr) und als Teil einer Islamisierung der Gesellschaft stehen. Schön ist sie natürlich trotzdem und die Aussicht war einfach genial. Zudem war hier im Vergleich zur Haggia Sophia einfach mal gar nichts los und wir waren fast allein in dem riesen Saal, der 63.000 Gläubige fassen kann.

Zudem ließen wir uns hier wieder schön machen, ich war beim Frisör und Marc beim Barber. Dort bekam er mehr Leistungen als ich, ihm wurden die Ohren und Nase gewachst, er bekam eine Gesichtsmaske und alles wurde getrimmt und gepflegt. Die Türken sind hier wirklich sehr eitel und gepflegt. Gekostet hat das ganze nur 10 Euro, was für uns recht erschwinglich ist. Die Bevölkerung leidet dafür sehr an der Inflation und dem Verfall der Lira. Sie haben eine Inflation bis zu 150%. Jedes Jahr verteuern sich die Lebensmittel um das Doppelte. Der Besitzer eines Radladens erzählte uns ein wenig von der politischen Lage und wird nach Boston auswandern, sollte Erdogan nochmals gewählt werden. Das hörten wir später noch häufiger. Wir wollten im Radladen auch unser Paket abholen, aber wir fanden durch die Tracking Nummer heraus, dass das Paket verspätet sei. Umständlich fanden wir die Erklärung: das Paket stecke im Zoll fest und muss dort abgeholt werden. Leider wussten wir nicht genau wo der Zoll ist und wir wollten keinen ganzen Tag investieren, um das herauszufinden um dann doch nicht das Paket zu erhalten, weil wir an den falschen Orten gesucht haben bzw. nicht die richtigen Unterlagen dabei gehabt hätten. Ohne eine türkischen Übersetzer fühlten wir uns hier echt verloren und gaben schlussendlich auf, das Paket noch zu erhalten. Jedoch kaufte Marc sich im Radladen einen Spiegel, den er an die Brille stecken konnte, um somit den Verkehr besser beobachten zu können. Über Aussehen und Design lässt sich streiten, aber die funktionsweise ist wohl sehr angenehm.

Wir wollten es uns nochmal richtig gutgehen lassen und gingen nochmals zu einem traditionellen Hamam, der eigentlich nur für Männer erlaubt war. Aber ich durfte rein und fühlte mich eigentlich sehr wohl zwischen all den Männern. Nackt sein ist hier sowieso verpönt, weswegen es wirklich OK war. Wir wurden über eine Stunde lang komplett durchgeknetet, wovon wir am nächsten Tag sogar Muskelkater bekamen. Danach ging es wieder in Dampfbad und anschließend wurden wir wieder ganz traditionell gewaschen. Diesmal war es anders als beim vorherigen männliche Therapeuten, die aber alle einen guten Job machten. Zuletzt wurden wir noch warm eingepackt und bekamen Chai mit Süßigkeiten. Es war wirklich eine sehr schöne Erfahrung, vor allem für mich als Frau teilzunehmen. Dann ließen wir unseren letzten Abend mit unseren Mitbewohnern ausklingen und fuhren am Morgen (mit Stopp beim guten Bäcker) aus Istanbul.

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