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  • AutorenbildJuli

Getrennte Wege

Aktualisiert: 7. Okt. 2023

Der Flug war sehr angenehm und wir konnten nochmals das Pamir-Gebirge von oben bewundern. Als wir in Delhi gelandet sind, wurden wir direkt positiv an der Gepäckausgabe überrascht. Waren wir doch auf Chaos und ein hilfloses Durcheinander vorbereitet, standen unsere Rucksäcke schon sauber aufrecht neben dem Band. Als sich Marc auf die Suche nach den Rädern machen wollte, wurden uns diese bereits vom netten Personal zugeschoben. Das lief schon mal richtig gut. Danach kauften wir uns Simkarten, die nach 2 Stunden aktiv und einsatzfähig waren. In der Zwischenzeit hatten wir uns am Flughafen erstmal in ein Restaurant gesetzt, um die Zeit zu überbrücken und dem Trubel noch zu entkommen. Denn am Abend wollten wir einen Bus in den Norden nehmen und hatten noch 6 Stunden Zeit. Das Essen war schon mal lecker, obwohl Marc sich erstmal bei KFC einen Burger gönnte, da er sich schon so lange danach sehnte. Anschließend fuhren wir mit einem Großraum-Uber über eine Stunde zu unserer Busstation: Majnu-ka-tilla. Zufällig war das auch ein tolles Shopping und Restaurant Paradies, wo wir uns gut die Zeit vertreiben konnten. So gab es für uns zum ersten Mal Momos: leckere indische Maultaschen. Die vielen Menschen waren schon etwas anstrengend, überall wurde versucht, uns die Kartons aus der Hand zu reißen. Entweder, um sie für uns auf den Rikschas zu transportieren oder um uns tragen zu helfen zu können. Aber mit einem mehrfachen und sehr bestimmten "Nein" entkamen wir den Angeboten. Es war brutal heiß in Delhi, aber nicht die 32 Grad waren das Problem, sondern die enorm hohe Luftfeuchtigkeit. Ich habe auf der ganzen Reise noch nie so geschwitzt. Obwohl es im Iran fast jeden Tag über 50 Grad waren, war die trockene Hitze recht angenehm.

Klatschnass betraten wir am Abend den Nachtbus und stritten mit dem Fahrer noch um die Zusatzkosten der Fahrräder, die enorm hoch waren und uns vorher nicht mitgeteilt wurden. Auf unserer Reise haben wir bisher gelernt, dass alles verhandelbar ist. Doch die Inder sind sehr hartnäckig und beharren sehr auf ihren Preis.. Später stellte sich aber raus, dass die Kosten immer ca. ein halbes Ticket betragen und demnach doch gerechtfertigt waren. Die Klimaanlage war auf Polarluft eingestellt, sodass wir uns mit Eiszapfen an der Nase schnell was anziehen mussten. Zum Glück gab es Decken dazu. An Schlafen war aber nicht zu denken, den die Inder sind auf den Straßen ohne jegliches Sicherheitsbewusstsein unterwegs. Permanentes hupen und Vollgas. Die Fahrt war aber trotz der Nahtoderfahrungen und Todesängsten einigermaßen zu ertragen. Trotz der arktischen Kälte kamen wir völlig verschwitzt aber sicher in Dharamsala an, einer Stadt am Rande des Himalaya. Es ist eines der Yoga Zentren von Indien und ein Hotspot für Touristen. Insbesondere Israelis sind hier in Scharen anzutreffen, weswegen der Ort auch Little Tel Aviv genannt wird. Zudem ist hier der Exil-Sitz der tibetischen Regierung und gleichzeitig das Zuhause des Dalai Lama. Als wir ankamen hatten wir erstmal ein Problem: Wir hatten eine Unterkunft auf Booking gebucht und wir lernten gerade, dass es das untere und obere Dharamsala gibt, welches mit einer Seilbahn oder einer 9km langen Straße zu erreichen ist. Da unsere Räder noch zerlegt in den Kartons waren, mussten wir leider nach langem Zögern zwei Taxen nehmen. Insgesamt wurden 7 Euro vereinbart. Leider war dann die Unterkunft nicht dort, wo sie bei Booking eingezeichnet war. So fuhren die Taxen etwas weiter und fragten herum. Irgendwann meinte ich, sie sollen uns einfach rauslassen. Nach dem Abladen unserer Sachen begann eine hitzige Diskussion, denn die beiden Fahrer wollten nun 12 Euro für die Fahrt. Natürlich sind das keine großen Beträge, über die wir uns so ärgern. Jedoch wissen wir, dass man hier in der Regel nicht mal 5 Euro für 1 Stunde Fahrzeit bezahlt und wir wissen auch, dass die Inder versuchen, die Touristen abzuzocken. Wir sind es auch langsam echt leid, dass man in uns immer nur die stinkreichen Europäer sieht. Aber wir haben nun mal ein begrenztes Budget und können eben nicht mit Geld um uns schmeißen. Wir konnten uns letztendlich auf 10 Euro einigen, sonst wären wir sie wahrscheinlich auch nicht losgeworden. Nun saßen wir da wie bestellt und nicht abgeholt, erreichten unsere Unterkunft nicht, da es dafür noch 2km über Stufen nach oben ging. Wir konnten zum Glück stornieren und begaben uns erstmal in ein Café um uns ein geniales Frühstück zu gönnen. Die Laune wurde etwas besser aber dann setzte ein Platzregen ein, den wir so schon lange nicht mehr gesehen hatten. Ein Regen mit einem heftigen Gewitter, was über 5 Stunden andauerte ohne eine Minute nachzulassen. Im Café tropfte es sogar durch die Decke. Aber wir genossen es wohl umsorgt zu sein und mit anderen Reisenden plaudern zu können. Als der Regen nachließ, gingen wir zu einem Gästehaus um die Ecke, was wir in der Zwischenzeit rausgesucht hatten. Der Rest des Tages wurde für das Auspacken und Zusammenbauen der Räder genutzt. Den nächsten Tag machten wir uns erstmal auf den Weg nach McLeod Ganj, wo Dalai Lama's Tempel zu finden war. Auf dem Weg dorthin sahen wir sehr viele Mönche und Pilgerer, die auch diesen heiligen Ort aufsuchten. Kühe saßen oder spazierten auf den Straßen und die Affen suchten im Müll nach Essen. Überall lungerten die Straßenhunde herum, aber im Gegensatz zu vielen anderen Ländern scheint es denen echt gut zu gehen. Sie werden hier sehr gut behandelt und besonders gut gefüttert. Auch wir ließen uns hier kulinarisch verwöhnen. Es gab hier europäisches, indisches und israelisches Essen von bester Qualität für nur 2 - 3 Euro. Einen hervorragenden Kaffee gab es sogar mit Hafermilch. Außerdem war hier der Großteil der Restaurants vegan oder zumindest vegetarisch. Bei dieser gigantischen Auswahl fehlte es einem an nichts.

Nun war es mal an der Zeit, ein bisschen Zeit getrennt voneinander zu verbringen. Seit Beginn der Reise haben wir quasi 24/7 aufeinander gehockt. Ich hatte nach den letzten sehr harten Etappen in den Stan-Ländern ein bisschen die Schnauze voll vom Radfahren. Außerdem freute ich mich schon sehr darauf, mal wieder Yoga zu machen. Und hierfür war dieser spirituelle Ort genau richtig. Marc entschied sich hingegen, eines der höchsten Straßen der Welt zu befahren. Und so nahm er nach dem einen Tag Pause einen Bus nach Manali, wo seine Tour starten würde. Dazu aber später mehr. Ich suchte mir für die Zeit eine traditionelle Yogaschule, in der ich für die nächsten 6 Tage alles mitmachen durfte. Ich bekam neben dem Yogastudio ein Zimmer und durfte täglich an einer Hatha Yogastunde, einer Asthanga Yogastunde, am Yogaphilosopie-Unterricht, Atemübungen und einer Soundhealing Stunde teilnehmen. Zudem kochte der Yogalehrer immer feinstes indisches Essen für uns. Es war schön mal wieder einen anderen Rhythmus zu haben, Essen gekocht zu bekommen und andere Gesellschaft zu haben. Sascha, den wir schon aus dem Iran kannten, stieß noch dazu und wir waren eine kleine familiäre Gruppe. Zudem war Krishna, unser Yogaguru bzw. Baba, ein echt verrückter Yogi, sodass niemals Langeweile aufkam. So hatten wir zwei nette Kirtanabende, wo getrommelt und gesungen wurde und wir aßen an einem Feiertag im Tempel mit vielen anderen Einheimischen. Das war schon ein besonderes Erlebnis.

An meinem letzten Tag machten wir sogar noch einen Ausflug. Zuerst besuchten wir eine gotische Kirche, anschließend aßen wir Mittag auf einer indischen Hochzeit. Es war etwas skurril. Abends sollte die richtige Party stattfinden, aber mittags kam das ganze Dorf und wurde in einem Gebäude im Keller mit einem leckeren 7 Gänge Menü versorgt. Anschließend besichtigten wir einen buddhistischen und bis spät Abends noch zwei hinduistische Tempel, wobei eine Zeremonie dabei war. Alles ganz schön abgefahren mit den Ritualen, zudem wird viel Chai mit Milch getrunken und seltsame Gräser geraucht. Für mich war es eine gelungene Abwechslung und der Ort Bhagsu hat mir wirklich rund um sehr gut gefallen. Es war der perfekte Start hier im ruhigen Norden. Das richtige Indien sollte uns noch später erwarten.


Manali - Leh- Highway


Schon zu Beginn der Reise sprach Marc einmal von dem höchsten Pass der Welt. Es hieß, das wäre der Kardung La im Norden von Indien. Er liegt in der Region Ladakh und beginnt in der Stadt Leh.

Mittlerweile ist bekannt, dass dies nicht mehr der höchste Pass der Welt ist und auch die fragwürdige Höhenangabe auf dem Pass wurde durch modernes GPS Tracking widerlegt. Nichtsdestotrotz hat der Pass nicht an Berühmtheit verloren und ist nach wie vor besonders für Motorradfahrer ein beliebtes Reiseziel. Nun waren wir jetzt nicht mehr ganz so weit davon entfernt. Die Straßen bis Manali sind aber ziemlich beschissen, sodass er für diesen Weg die lokalen Buslinien nutzte. In Manali suchte er sich ein günstiges Hotel, wo er auch seine Sachen unterbringen konnte. Da die Tour sehr anstrengend sein wird, wollte er mit möglichst wenig Gepäck fahren. Zelt, Isomatte und das meiste an unnötigen Klamotten wurden zurückgelassen. Später würden wir uns auch in genau diesem Hotel wieder treffen, wenn ich nach meiner Yogawoche nachkommen würde. Trotz des ungemütlichen Wetters wurde der Plan umgesetzt und Marc machte sich mit seinem deutlich leichteren Rad auf den Weg. Auf ihn warten große Herausforderungen. Durch den immer stärker werdenden Regen entstehen häufiger Erdrutsche, die die Straßen begraben oder komplett zerstören. Provisorisch angelegte Wege und Baustellen sind daher keine Seltenheit. LKWs drängeln in beide Richtungen zwischen Geröll und Abgrund aneinander vorbei. Zudem kommt eine noch nie zuvor erreichte Höhe. Vor dem Kardung La warten noch andere Pässe mit über 5000 Meter Höhe. Bis Leh befindet man sich auch permanent auf über 4000 Meter Höhe, sodass die üblichen Regeln der Akklimatisierung kaum eingehalten werden können. Da hat Marc aber vielleicht noch etwas Pamir-Highway im Blut, was hierbei sehr helfen könnte. Im Regen geht es los und die GoPro läuft. Denn hierfür gibt es ein Video, womit man die erstaunlich schönen Landschaften am besten bewundern kann. Viel Spaß dabei.

Die Strecke nach Leh inklusive des Kardung La betrug insgesamt 494 Kilometer und 8778 Höhenmeter und wurde an 6 Tagen zurückgelegt. Aufgrund von technischen und physischen Schwierigkeiten nahm Marc anschließend ein Taxi zurück nach Manali. Zudem stand jederzeit ein Wetterumschwung bevor, was die Rückkehr hätte erheblich erschweren können.



Ghost-Temple of Gata Loops


Eine ungewöhnliche Entdeckung hatte Marc an den Gata Loops am Nakeela Pass (Video: 9:20min).

Für uns immer wieder schockierend, so viel Plastikmüll in der Natur zu sehen, auch wenn es in dem Fall einen recht bizarren Hintergrund hat. In dieser 19. Kurve der Gata Loops verunglückte ein LKW durch ein Erdrutsch. Die beiden Insassen hatten zunächst überlebt. Der Beifahrer blieb verletzt zurück, während der Fahrer versuchte im nächsten Dorf Hilfe zu holen. Durch starken Schneefall waren die Pässe gesperrt und somit kam zu der Zeit niemand mehr vorbei. Keine Hilfe, kein Essen, kein Wasser. Daher kam auch der Fahrer nicht mehr rechtzeitig zurück und der Beifahrer starb. Eines Tages soll ein Reisender einen jungen Mann an eben dieser Stelle getroffen haben, der nach Wasser fragte. Man glaubte, es war der Geist des Verstorbenen und man errichtete einen Schrein an dieser Stelle. Seitdem werden Plastikflaschen und auch Zigaretten hinterlassen um den Geist zu besänftigen und um das Unglück auf dem Weg abzuwenden.




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1 Comment


Katrin Oertel
Katrin Oertel
Oct 07, 2023

Glückwunsch zu der krassen Passüberquerung Marc. Respekt!

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