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  • AutorenbildJuli

Der späte Kulturschock

Wir hatten nicht allzu viel Zeit in Indien eingeplant. 3 Wochen sollten erstmal reichen. Wir hatten Angst vor dem Kulturschock und den vielen Menschen. War das nun gut oder schlecht? Am Ende sind wir uns doch nicht ganz sicher. Über Indien sagt mal ja, entweder liebt man es oder man hasst es. Beide Seiten können wir gut nachvollziehen. Mit etwas gemischten Gefühlen sind wir hier gelandet. Hatten wir doch so viele gute aber auch schlechte Erfahrungen von anderen Bikepacker gehört (1 Woche uns voraus wurden 2 deutsche Radfahrer beim Zelten im Wald in Zentralindien fast von einer Axt erschlagen). Deswegen nahmen wir sofort den Bus in den ruhigen Norden, dem man ein mildes Klima nachsagt. Das war wirklich die absolut richtige Entscheidung gewesen, denn wir empfanden es als ein kleines Paradies. War doch so wenig los, keine Slums und das Müllproblem noch nicht so ersichtlich. Hier konnten wir uns wirklich erholen und uns ganz entspannt auf die neue Kultur einstellen. Anschließend ging es dann weiter nach Rishikesh, dem Ort, an dem ein Yogaashram an den anderen gereiht ist (ein Ashram ist ein traditioneller Ort, an dem Menschen leben, die eine spirituelle Praxis wie Yoga oder Meditation verfolgen). Hier ist die Hölle los, weil erstens viele Inder selbst in der heiligen Ort am Ganges fahren und auch hunderte Touristen hier herkommen um zu sich selbst zu finden. Wir reisten auch mit dem Bus an, mussten dann aber noch 14 Kilometer bis zur Unterkunft fahren. Es war die Hölle. An die 35 Grad und skrupellose Rikscha-, Motorrad- and Autofahrer. Sowas hatten wir bis jetzt noch nicht erlebt. Hier gilt nicht das Gesetz des Stärkeren sondern wer am längsten und lautesten hupen konnte. Denn jeder Überholvorgang wird mit einem Hupen angekündigt. Ging man dann nicht sofort zur Seite, wurde die Hupe so lange durchgedrückt, bis einem die Trommelfelle platzen und man fast vom Rad fällt. Marc hatte sich fast mit einem Fahrer aus seiner Rikscha angelegt. Das Problem ist hier, dass jeder schneller sein will, als der andere. Rücksicht ist hier ein Fremdwort. Dass der Verkehr dennoch reibungslos funktionieren kann, ist uns ein Rätsel. Zum Glück durften wir für die Unterkunft abbiegen und mussten dabei einen steilen Hang hoch. So hatten zumindest die furchtbare Straße hinter uns gelassen. Marc wollte Rishikesh direkt wieder verlassen, denn wir vermissten die letzten beiden ruhigen Orte im Norden. Nachdem der erste Schock nachgelassen hatte, konnten wir uns doch noch ganz gut auf den Trubel einlassen und fanden ein paar friedvolle Cafés mitten im Grünen. In den Gassen trieben immer wieder die Affen ihr Unwesen und ärgerten die Menschen. Die Straßen waren auch so eng, dass man manchmal kaum an den herumliegende Kühe vorbei kam. Zudem war alles voller Kuhmist. Ein Blick aufs Handy beim Laufen wurde somit direkt bestraft.

Wir machten Yoga und besuchten einen Kirtanabend auf der Dachterrasse unserer Unterkunft. Zudem kauften wir uns ein Tagesticket für einen Ashram. Dort ging es um 5 Uhr los mit Meditation, Yoga und Feuerzeremonie, die etwas fremd auf uns wirkte. Um 9 Uhr hatten wir dann endlich unser gesundes Frühstück, welches man schweigend zu sich nahm. Danach hatten wir frei und hatten nochmals später eine tolle Yogastunde auf dem Dach mit allerlei neuen Atemtechniken. Nach dem leckeren Abendessen gab es dann wieder Kirtangesang, wo sogar ordentlich getanzt wurde. Ein sehr eindrücklicher und schöner Tag, auf den sich sogar Marc einlassen konnte. Außerdem probierte ich noch Ariel-Yoga, eine Yogaform in der man in einem Tuch hängt. Der Körper wird ganz wunderbar gestreckt und ich fühlte mich wie neugeboren, sodass ich es gleich zweimal machte. Zudem sieht man hier richtig viele Babas (zum Teil obdachlose spirituelle Gurus) und andere Religiöse, die im Ganges ein heiliges Bad nehmen. Jedoch ist der Ganges extrem verschmutzt: 500 Coli-Bakterien pro 100 Milliliter Wasser gelten in Indien als gerade noch unbedenklich für das Baden - dieser Wert werde etwa in Varanasi um das bis zu 3000-Fache überschritten. Magen-Darm-Infektionen seien die Folge. Aber das ist weiter flussabwärts, wo die Totenbestattungen im Ganges stattfinden. Trotzdem hielten wir uns vom einem Bad weit entfernt.

Unsere Reiseplanung zwang uns einen Bus nach Nepal zu nehmen, da wir uns nur ein 30 Tage Visum gönnen wollten. Wir wählten daher einen Zwischenstopp, weil die Busfahrt sonst von Delhi über 30 Stunden dauerte. Und wir wollten auch auf keinen Fall zurück nach Delhi. Daher lag Lucknow in der Mitte. Wir mussten hierfür 30 Kilometer nach Haridwar zurücklegen und wider Erwarten fanden wir uns inmitten von Grün umgeben wieder. Komoot führte uns über eine Nebenstraße entlang eines Nebelkanals des Ganges, wo kaum Verkehr herrschte. Es war unglaublich schön und friedvoll. Hier sahen wir auch wieder eine Menge Affen bis wir in Haridwar ankamen.

Dort kauften wir uns erstmal das Busticket für den Abend. Zahlreiche Selfies wurden von uns geschossen. Die Inder sind wirklich sehr neugierig und freundlich aufgeschlossen. Jedoch haben wir außerhalb der Touristenspots mehr Probleme die Leute zu verstehen. Diese wechseln in der Konversation gerne zu Hindi ohne es zu bemerken. Und auch wenn man deutlich anzeigt, dass man kein Wort mehr versteht, sprechen sie unbeirrt weiter. Dann ging es noch Abendessen und wir gönnten uns noch ein Eis vom Kiosk. Plötzlich waren wir umzingelt von bettelnden Kindern. Leider sieht man das viel zu oft und die Kinder oder auch Frauen stürzen sich regelrecht auf uns, denn wir sind ja die reichen Europäer. Oftmals ignorieren wir das Betteln und fahren schnell weiter, weil es einfach zu oft stattfindet und wir so viel nicht geben können. Aber hier war die Situation kaum auszuhalten, wie wir uns das Eis reinstopfen und dabei 10 mal soviel wiegen wie die dürren Kinder. Das konnte mit keinem Gewissen mehr vereinbart werden. Aber wir hatten nicht genug Kleingeld, um allen gerecht zu werden. Da kauften wir schnell ein paar Kekse im Kiosk und verteilten es an die hungernde Meute, die es uns sofort aus der Hand rissen. Leider sehen wir so viele hungernde und bettelnde Menschen, dass es manchmal schwer zu ertragen ist. Natürlich können wir nicht viel geben, aber sind im Vergleich zu den Menschen hier einfach mit unseren 20-Dollar-pro-Tag-Budget steinreich. Das zeigt uns wieder, wie privilegiert wir eigentlich sind. 1/4 der Bevölkerung lebt hier von unter 2 Dollar pro Tag. Jedoch hat die Armut sich trotz Corona und der Klimakrise nicht erhöht sondern ging sogar zurück. Die Verbesserung liegt unter anderem an Maßnahmen der indischen Regierung, die zum Beispiel jedem Kind an staatlichen Schulen eine warme Mahlzeit pro Tag kostenfrei anbietet. Aber: Der Welthungerindex-Bericht 2022, bei dem 136 Länder weltweit untersucht werden, zeigte, dass fast jedes fünfte Kind in Indien unter Auszehrung leidet. Das bedeutet: Es wiegt zu wenig für seine Größe. Jedoch wird auch die Bildung des Landes verbessert. Etwa fünf Prozent aller indischen Kinder im Grundschulalter besuchten im Jahr 2020 keine Grundschule, 1990 waren es noch rund 23 Prozent. Natürlich sind die Hauptleidenden die Mädchen, die nicht zur Schule geschickt werden. Aber auch hier tut die Regierung etwas und verbot seit 2006 die Minderjährigkeitsehe. Obwohl Kinderarbeit für unter 14-Jährige in Indien per Gesetz verboten ist, arbeiten Millionen Kinder, anstatt in die Schule zu gehen. Seit der Volkszählung im Jahr 2011 wurden keine zuverlässigen Zahlen mehr veröffentlicht. Damals gab es laut offiziellen Angaben mindestens zehn Millionen Kinderarbeiter. Hilfsorganisationen gehen jedoch davon aus, dass es in Wirklichkeit noch viel mehr sind.

Wie wird nun die Armut in Indien bekämpft? Die Armut geht einher mit der Überbevölkerung des Landes. Bald wird Indien das bevölkerungsreichste Land der Welt und überholt somit China. Es ploppt sozusagen jeden Monat ein neues München mit 1,3 Millionen Menschen in Indien auf. Einfach unvorstellbar. Die Geburtenrate, also die durchschnittliche Zahl an Kindern ist von 5,9 im Jahr 1951 auf 2,3 im Jahr 2011 gesunken. Es gab drastische Maßnahmen wie Zwangssterilisationen von Frauen in den 1970igern, die in speziellen Camps mit furchtbaren hygienischen Zuständen durchgeführt wurden. Wie so oft waren die Frauen das Problem. Zudem gilt heute noch die kulturelle Tradition, dass man besonders hoch angesehen ist, wenn man besonders viele Kinder hat. Leider gelten auch Kinder immer noch als Altersversorge. Am besten sollten mindestens 2 Jungs geboren werden. Jedoch sank die Geburtenrate mit der Emanzipation der Frau, wie in allen anderen Ländern. Je mehr Frauen gebildet und emanzipiert sind, desto weniger Kinder werden geboren. Nichtsdestotrotz, dass sich hier vieles in die richtige Richtung bewegt, sehen wir während wir durch Haridwar fahren, hunderte Familien und Menschen, die einfach inmitten der Stadt in Parks leben. Manche haben Zelte, andere leben einfach so auf Decken. Für uns ein sehr bedrückendes Gefühl. Dadurch, dass wir mit dem Rad fahren, haben wir die einmalige Chance beide Seiten der Medaille sehen zu können. Als Backpacker sieht man das eventuell noch aus dem Taxi aber kommt kaum in Berührung mit der leidenden Bevölkerung. Oftmals sind wir aber einfach nur völlig überfordert von den ganzen Rikschafahrern, den bettelnden Menschen, die einen gerne auch anfassen und wirklich sehr aufdringlich sind und wir versuchen einfach schnell zu flüchten. Am Abend standen wir nun inmitten der ganzen Inder und warteten wie diese auf unseren Bus. Als er mit einer Verspätung eintraf, waren wir sehr überrascht. Es war ein sehr luxuriöser Bus, der diesmal Betten in sich hatte. Unsere Räder konnten komfortabel im Hinteren des Busses verstaut werden. Nach 14h Stunden erreichten wir Lucknow und entluden unser Gepäck. Dabei bildete sich eine Traube von 10 Indern, die uns einfach nur anstarrten bis wir fertig waren. Dann begaben wir uns wieder mal in den verrückten Verkehr, es waren leider 13 Kilometer bis zu unserer Unterkunft. Dort sagte man uns, dass der Preis von Booking nicht wahrheitsmäßig ist, und wir nun das Dreifache bezahlen sollten. Wir waren wirklich wütend. Aber nach unserer Recherche gab es in der ganzen Stadt nur schlechte Bewertungen über die meisten Hotels. Es war hier wohl üblich, Lockpreise zu nennen und dann einen deutlich höheren Preis abzurufen. Wir fuhren nämlich 5 weitere Hotels an, aber immer viel zu hohe Preise oder Hotels, die keine Ausländer annahmen. Bei letzterem waren auf den Plattformen über 20 positive Bewertungen von Ausländern gewesen, die wie uns vor Ort dann mitgeteilt wurde, alles Fälschungen waren. Zudem wussten wir nicht recht, ob wir so seltsam behandelt wurden, weil wir Europäer sind. Das bleibt wohl einfach offen. Völlig überfordert und hilflos gingen wir wieder zum ersten Hotel. Auch die Restaurantsuche gestaltete sich hier sehr schwierig, gab es doch fast nur Essen am Straßenrand. Die Stadt hatte einfach gar keine ausländische Touristen und war deswegen auch nicht darauf eingestellt. Daran trauten wir uns noch nicht. Auch ein normales Frühstückscafé gab es hier nicht, so aßen wir eben Burger zu unserem Kaffee am Morgen. Alles in allem fühlten wir uns hier nicht ganz wohl und waren froh, nun mal das Land zu verlassen.

Alles in allem waren wir aber doch nicht so geschockt von Indien. Und auch die Inder sind ganz normale, manchmal neugierige aber auch sehr freundliche Menschen. Auch hier wird einem überall geholfen, wenn man Hilfe braucht. Die ganzen Kühe mitten auf der Straße waren keine Überraschung mehr, die kannten wir zur Genüge aus Georgien, Armenien und den Stanländern. Neu waren die Affen, die überall herumsprangen und auch ab und an mal Drohgebärden zeigen, wenn man ihnen zu nahe kommt. Das Essen war einfach nur ein Traum. Ab und an hatten wir kleine Verdauungsprobleme, aber nichts schlimmes. Es ist extrem vielseitig und wir haben uns auf der ganzen Reise nicht so gesund ernährt wie hier. Höchstwahrscheinlich auch komplett vegetarisch, ohne es überhaupt zu merken. Außerdem bekommt man hier wieder fast alles, so kann man Sachen auf Amazon bestellen oder zu Decathlon gehen. Wir wollen auf alle Fälle wieder in dieses faszinierende Land mit der unglaublich schönen Natur. Vorallem den Süden wollen wir noch erkunden, denn davon haben wir auch viel Gutes gehört.


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